Blog: Hypercard statt Web-Browser?

Der Spiegel schreibt heute in einem Artikel »Wie Apple beinahe das Web erfand« zum 25. Geburtstag von Hypercard, dass Apple drauf und dran war, ein Informationsnetz zu begründen, wie es nur vier Jahre später mit dem WWW in Erscheinung trat. Und wie wir alle wissen: Apple hat es nicht gemacht. Warum?

Frühe Chancen

Richtig ist, dass Apple damals eine große Chance vergab: Hypercard hätte viel größer werden können, als es wurde. Es revolutionierte die Hypertext-Dokumentkreation, viele Amateure und Profis konnten endlich ohne tiefere technische Kenntnisse selbst Hypertext-Dokumente zusammenklicken und mittels einfacher Code-Schnippsel in einer leicht verständlichen Sprache erweitern. Nachdem Apple Hypercard den Macs kostenlos beilegte, entstanden innerhalb von wenigen Monaten eine Vielzahl von großen und kleinen Werken, von Enzyklopädien, kleinen Spielchen, Infosysteme über Dinosaurier bis zu Vereinsverwaltungen, Bibliotheks-Ausleihsystemen und Firmenpräsentationen.

Windows tritt auf

Doch der Mikrokosmos war auf Macs beschränkt, was 1987-89 kein großes Wunder war. Windows war praktisch nicht existent, alternative Systeme wie AmigaOS und GEM für den Atari ST nahm man in Cupertino trotz ihrer Verbreitung nicht ernst. Im Forschungsbereich traf man meist auf Workstations mit UNIX oder DomainOS mit recht rudimentären grafischen Oberflächen. Heute wissen wir, dass sich das Spiel ab 1990 stark änderte, als Windows 3.0 auf den Markt kam und schnell Erfolg hat. Aus damaliger Sicht war man sich in Cupertino der eigenen Über­legenheit wohl zu sehr bewusst.

Windows gewann langsam Marktanteile, und spätestens 1992 mit Windows 3.1 nahm das Tempo zu. Gleichzeitig zu den Anfängen dieses Erfolgs hatte Apple Hypercard nicht mehr kostenlos beigelegt: dem Mac mitgeliefert wurde nur noch der kostenlose Betrachter. Das Autorenwerkzeug Hypercard musste nun für 400 DM gekauft werden.

Nicht für Nachbars Rechner

Diese zwei Entwicklungen wurden flankiert durch die Nichtentscheidung, Hypercard gut netzwerkfähig zu machen und auf eine breitere technische Basis für andere Plattformen zu stellen. Apple produzierte damals keinen Hypercard-Betrachter für UNIX/X11 oder Windows. Wollte man also für viele Menschen publizieren, dann war Hypercard eine Sackgasse - man konnte es nur durch Download einzelner Hypercard-Anwendungen (Stacks) verteilen, die aber untereinander nicht über das Internet verknüpft sein konnten. Und UNIX-/Windows-Anwender konnten es gar nicht betrachten.

Prinzipiell war das noch nicht schlimm, denn Alternativen gab es wenig: das Internet war 1989 noch nicht öffentlich für jedermann zugänglich, alternative Netze wie GEnie oder Compuserve glichen eher riesigen Mailboxen (BBS) als dem, was wir heute als Netz betrachten.

Keine Vorstellung von den Möglichkeiten

Apple war damals auf AppleTalk fixiert - ein in sich geschlossenes, für die Zeit geniales Netzwerksystem, das keine Konfiguration benötigte. Man steckte seinen Mac mit einem Kabel ans Netzwerk und war dran. Dies musste fast zu einem Überlegenheitsgefühl führen, das ich für Apple annehme, denn bei PCs musste man zu der Zeit eine Karte einstecken, meist Jumper für hexadezimale Speicheradressen sowie ggfs. Interrupts setzen, Treiber in der richtigen Reihenfolge für DOS laden, TSR starten und kryptisch adressieren. Im UNIX-Umfeld war es nur wenig besser, TCP/IP kannte noch kein DHCP und alles war sehr, sehr rau. So war es wohl fast zwangs­läufig, dass man TCP/IP bei Apple nur mäßig ernst nahm. Und doch wurde TCP/IP mit seinem Eigen­schaften, plattformübergreifend und weltweit vernetzbar zu sein, eine der Grundvoraussetzungen für den Erfolg des WWW.

Eine fehlende Vision zur Vernetzung von Hypercard-Stacks über das langsam entstehende öffentliche Internet (oder zumindest AppleTalk - das fiel Apple auch nicht ein), mangelnde Cross-Plattform-Fähigkeiten, zu kurz verstandenes Profitdenken und schlechte Weiterentwicklung von Hypercard sorgten dafür, dass der Nährboden für Konkurrenzsysteme exzellent war. Die entstehende Informationsgesellschaft war mit Postings im Usenet, Uploads auf FTP-Servern oder allerhöchstens ein paar zusammengewürfelten Dateien auf Gopher nicht mehr zufrieden.

Der dann fast zwangsläufige Erfolg des WWW

Und so konnte das WWW schnell erfolgreich werden: es war gemischt textuell-grafisch wie Hypercard, vernetzt wie Gopher, kostenlos und für fast jedes Betriebssystem verfügbar.

Leider war es grässlich umständlich, dafür angereicherte Inhalte zu erstellen. Zwar gab es früh Autorensysteme - aber logische Verknüpfungen, Abfragen oder auch nur Validierung von Benutzer-Eingaben gab es fürs WWW erst 1996, gute Multimedia-Eigenschaften erst 2012.

Hätte Apple Hypercard größer machen können, als es war? Ja.

Hätte Apple das WWW durch Hypercard überflüssig machen können? Wohl kaum. Dafür waren die Anlagen von Hypercard in die falsche Richtung vorgegeben. Und doch hätte das WWW viele der guten Eigenschaften von Hypercard früher erben sollen.

Apple stellte jegliche Unterstützung für Hypercard im Jahr 2004 ein.

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Letzte Änderung: 2012-07-01, 13:55:19 (CEST)
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